HWK für Ostthüringen

Vollversammlung: Azubi-Ticket ganz oben auf der Forderungsliste

(05.12.2017) Die Gewinnung und Sicherung des künftigen Fachkräftenachwuchses sowie die Unternehmensnachfolge sind im Jahr 2018 die Schwerpunktthemen für das Ostthüringer Handwerk.

Das wurde auf der Vollversammlung der Handwerkskammer für Ostthüringen deutlich.

In seinem Bericht vor den Vollversammlungsmitgliedern ging der Präsident der Handwerkskammer für Ostthüringen, Klaus Nützel, zunächst auf die positive konjunkturelle Entwicklung ein. „Die Umfrageergebnisse zeigen einmal mehr, dass der Konjunkturmotor im Ostthüringer Handwerk weiter störungsfrei läuft“, so der Kammerpräsident. Gut gefüllte Auftragsbücher und eine sehr gute Umsatzentwicklung sind Indikatoren dafür. Damit verbunden ist aber die dringende Suche nach geeigneten Fachkräften. Diese sind jedoch kaum noch oder sehr schwer zu finden.

Azubizahlen steigen erneut an

Erfreulich ist zwar, dass die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge im zurückliegenden Jahr mit insgesamt 743 das zweite Jahr in Folge gestiegen ist. „Bei aller Freude ist es aber auch eine Tatsache, dass wir allein im Ostthüringer Handwerk eigentlich Jahr für Jahr rund 1.000 neue Azubis benötigen, um den künftigen Bedarf an Fachkräften decken zu können“, mahnt Klaus Nützel. Viele Aktionen seien durch die Handwerker gemeinsam mit der Handwerkskammer angeschoben worden. Bildungsmessen, Werbemaßnahmen über die Imagekampagne des Handwerks, Kooperationen mit Tages- und Wochenzeitungen und das erstmals ausgetragene Ausbildungsevent in der Bildungsstätte Gera-Aga sind einige Beispiele dafür.

Gleichzeitig sei aber auch die Thüringer Landespolitik in der Pflicht, die duale Ausbildung stärker als bisher zu unterstützen. „Eine Ursache für die immer noch große Anzahl fehlender Lehrlinge in der dualen Ausbildung ist der Akademisierungswahn“, bringt es der Kammerpräsident auf den Punkt. Immer mehr jungem Menschen rängen an die Universitäten und Fachhochschulen. „Was nützen die schönsten Werbekampagnen für den Hochschulstandort Thüringen, wenn eines Tages die Handwerker fehlen, die beispielsweise für Strom, Wasser, Mobilität, Wohnraum und Nahrungsmittel sorgen“, warnt Klaus Nützel. Nur mit einer umfassenden Werbung für die duale Ausbildung im Freistaat kann der Fachkräftenachwuchs von morgen gesichert und damit Berufsschulstandorte in der Fläche erhalten werden.

Schon jetzt gebe es erste Meldungen von Ausbildungsbetrieben, deren Lehrlinge auf Grund weiter Anfahrtswege zu den Berufsschulen nicht mehr zum Berufsschulunterricht erscheinen oder aber ihre Lehre ganz abbrechen.

Forderung nach sofortigem Azubi-Ticket

„Deshalb steht für uns die Forderung eines Azubi-Tickets immer noch ganz oben auf der Liste der Forderungen an die Landesregierung. Was für Studenten mit dem Semester-Ticket Realität ist, muss für Auszubildende auch möglich sein“, drängt Klaus Nützel auf eine Entscheidung. Seit drei Jahren werde dieses Thema nun im Land diskutiert, ohne dass eine Entscheidung getroffen wurde. „Das kann doch nicht so schwer sein, sind es doch die gleichen Busse und Bahnen, mit denen auch die Studenten mit ihrem Semesterticket kostenfrei fahren können.“

Auch die Vollversammlungsmitglieder stimmten dieser Forderung zu und unterstrichen in der Diskussion, dass die Landesregierung hier mit Blick auf die Zukunft des Handwerks ganz schnell handeln muss.

Problem fehlender Nachfolger für Betriebe

Im Zusammenhang mit dem fehlenden Fachkräftenachwuchs wird in den kommenden Jahren auch die Unternehmensnachfolge stehen. Immerhin 15 Prozent der Betriebsinhaber in den rund 9.500  Betrieben im Ostthüringer Handwerk sind älter als 60 Jahre. Das bedeutet, dass in den kommenden fünf Jahren rund 1.400 dieser Handwerksunternehmen einen Nachfolger suchen. Sollte es in den kommenden Jahren zu einem dramatischen Einbruch an Handwerksunternehmen kommen, hat dies immense Auswirkungen auch auf die wirtschaftliche Entwicklung in Ostthüringen und dem gesamten Freistaat. „Wünschenswert wäre es deshalb, wenn die Landesregierung dieses Thema verstärkt auf die Agenda nimmt und über eine gezielte und vor allem Anreize setzende Förderung von Existenzgründern nachdenkt, die einen bestehenden Betrieb übernehmen“, macht Klaus Nützel deutlich.

Schon jetzt sind vor allem die Betriebszahlen in den meisterpflichtigen Gewerken rückläufig. „Wir brauchen vor allem dringend Meister, die diese angestammten Handwerksunternehmen einmal weiterführen“, so Klaus Nützel.

Meisterbonus als Anreiz für alle Absolventen

Zwar sei es nach langen Gesprächen mit der Thüringer Landesregierung gelungen, dass im Jahr 2017 erstmals ein Meisterbonus für die besten Meister jedes einzelnen Gewerkes in Höhe von 1.000 Euro gezahlt wurde. Diese finanzielle Prämie für den erfolgreichen Abschluss kann durchaus ein wirksames Motivations- und Förderinstrument sein.

„In Sachsen und Bayern wird dieser Bonus jedoch für jeden erfolgreichen Meisterabsolventen gezahlt. Was dort funktioniert, muss doch auch in Thüringen möglich sein“, fordert Klaus Nützel eine Ausweitung dieser finanziellen Zuwendung.

Gerade mit Blick auf den Mangel an Fachkräften sowie die fehlenden Unternehmensnachfolger sei dieser Anreiz überaus wichtig, um das Handwerk und damit den Mittelstand in der Region auch in den kommenden Jahren auf einem hohen Niveau zu halten.

Egal ob Azubi-Ticket, Meisterbonus, Nachfolge oder Entlastung des Handwerks durch Bürokratieabbau - die Vollversammlungsmitglieder sind sich in diesen Punkten einig, wie die angeregte Diskussion zeigte.

Deshalb werden diese Themen im Jahr 2018 die Arbeit sowohl in der Handwerkskammer als auch in den Kreishandwerkerschaften, den Innungen und jedem einzelnen Betrieb bestimmen.



Foto: Klaus Nützel bei seinem Bericht vor den Vollversammlungsmitgliedern, in dem er die Forderungen des Ostthüringer Handwerk gegenüber der Landespolitik noch einmal deutlich machte.