Wege aus der Krise!
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Handwerk braucht Unterstützung bei Rückkehr zur Normalität

Das große Corona-Interview mit Kammerpräsident Klaus Nützel

(19.05.2020) Mehr als zwei Monate ist es jetzt hier, dass sich innerhalb von wenigen Tagen das Leben – sei es privat oder beruflich – verändert hat. Die Corona-Pandemie hat seit Mitte März in vielen Betrieben für Stillstand, Umsatzverluste, Unsicherheit und Existenzängste gesorgt. Klaus Nützel, Präsident der Handwerkskammer für Ostthüringen, spricht über diese schwierigen Monate, die Herausforderungen für alle Handwerkerinnen und Handwerker, die Unterstützungsleistungen der Handwerkskammer und über den Weg hin zu einer Normalität.

Wie hat sich nach Ihrer Einschätzung die Corona-Pandemie auf die rund 9.400 Ostthüringer Handwerksunternehmen ausgewirkt?

Klaus Nützel: Ein Großteil unserer Mitgliedsbetrieben war und ist immer noch von den Auswirkungen betroffen. Friseure, Kosmetiker und viele andere Dienstleister mussten für viele Wochen ihre Geschäfte komplett schließen. Die Einnahmen waren gleich Null. Aber auch alle anderen Branchen hatten mit massiven Umsatzrückgängen zu kämpfen.

Wo gab es aus Ihrer Sicht die größten Probleme?

Klaus Nützel: Schließungen und Einschränkungen sind die eine Sache. Aber die Schnelligkeit der Anordnungen und vor allem das unabgestimmte Handeln haben für eine riesige Unsicherheit gesorgt. Föderalismus ist gut. Aber im Falle der Corona-Pandemie hat sich gezeigt, dass unterschiedliche Verordnungen von Ländern und Kommunen für noch mehr Probleme gesorgt haben.

Wie hat die Handwerkskammer versucht, ihre Mitgliedsbetriebe bei der Bewältigung dieser immensen Herausforderungen zu unterstützten?

Klaus Nützel: Wir haben frühzeitig begonnen, unseren Betrieben umfassende Informationen und Beratungen zukommen zu lassen. Bereits am 13.  März wurden spezielle Telefonhotlines sieben Tage die Woche geschalten. Auf einer Sonderseite im Internet informieren wir bis heute unter www.hwk-gera.de/corona tagesaktuelle über alle wichtigen uns vorliegenden Verordnungen, Allgemeinverfügungen, Antragsformulare, Branchenregelungen und vieles mehr.

Apropos Antragsformulare. Die Corona-Soforthilfe war sicherlich auch für die Handwerkskammer eine riesige Herausforderung?

Klaus Nützel: Das stimmt. Die Kammern in Thüringen waren in die Antragsannahme und Vorabprüfung eingebunden. Ziel sollte es sein, dass die Kammern die Thüringer Aufbaubank unterstützen und somit die Dauer der Soforthilfeauszahlungen beschleunigen. Allein bei uns in der Handwerkskammer wurden mehr als 2.000 Anträge eingereicht. Ein ganzer Mitarbeiterstab war in der Handwerkskammer mit der Abarbeitung beauftragt.

Dennoch hat es in vielen Fällen mehrere Wochen gedauert, bis die Soforthilfen bei den Betrieben ankamen?

Klaus Nützel: Das ist richtig. Leider muss man sagen, dass die Auszahlung seitens der Thüringer Aufbaubank nach Zusendung der Anträge durch uns als Kammer ganz einfach viel zu lange gedauert hat. Wenn Unternehmen teilweise vier Wochen und länger auf die Auszahlung durch die Thüringer Aufbaubank warten mussten, hat dies nichts mehr mit Soforthilfe zu tun.

Dennoch hat die Handwerkskammer viele Regelungen bei den Antragsinhalten eingebracht, um die Situation für die betroffenen Betriebe zu verbessern.

Klaus Nützel: Genau. Auf unsere Initiative geht es beispielsweise zurück, dass auch junge Existenzgründer, die nach dem 31. Dezember 2019 in die Selbstständigkeit starteten, die Soforthilfe erhalten konnten. Ebenso war es unsere Forderung, dass bei anrechenbaren Ausgaben - anders als auf Bundesebene - zumindest die Krankenversicherung und Altersabsicherung des Unternehmers Berücksichtigung finden. Viele Soloselbständige und Kleinunternehmer in Thüringen haben davon profitiert.

Doch Soforthilfe allein reicht nicht, um die vielen Existenzen zu sichern.

Klaus Nützel: Nein, viele weitere Maßnahmen gehören dazu, um unsere Handwerksbetriebe wieder auf solide Beine zu stellen. Eine schnelle Auszahlung des Kurzarbeitergeldes, Stundung von Sozialversicherungsbeiträgen, Hilfe bei Liquiditätsengpässen und vieles mehr sind wichtig. Hier braucht das Handwerk weiter Unterstützung seitens des Bundes und des Landes bei einer Rückkehr zur Normalität.

In den letzten Tagen und Wochen war auch von Personalengpässen im Handwerk und damit verbundenen Umsatzverlusten die Rede.

Klaus Nützel: Mehr als einem Drittel unserer Betriebe fehlen Mitarbeiter, die aufgrund der Schließung von Kindertagesstätten und Schulhorten zur Kinderbetreuung zu Hause bleiben mussten. Handwerker waren von der Notbetreuung ausgeschlossen, da sie nicht als systemrelevant eingestuft wurden. Selbst die jetzt eingeleiteten Maßnahmen zur Öffnung der Einrichtungen im eingeschränkten Regelbetrieb nützen den Betrieben so gut wie nichts, wenn dadurch Mitarbeiter ihre Kinder nur tageweise zur Kinderbetreuung bringen können. Deshalb meine klare Forderung: Endlich wieder regelmäßige Öffnung der Kindertagestätten und Schulhorte für alle arbeitenden Mütter und Väter.

Mittlerweile gibt es weitreichende Lockerungen der Beschränkungen. Wie ist Ihr Standpunkt dazu?

Klaus Nützel: Mir kam dies in den vergangenen Wochen fast wie ein Überbietungswettbewerb von Ländern und Kommunen vor. Erst waren alle bestrebt, so schnell wie möglich Beschränkungen vorzunehmen. Jetzt erleben wir das genaue Gegenteil. Jedes Bundesland und jede Kommune möchte jetzt Erster sein, wenn es um Lockerungsmaßnahmen geht. Natürlich ist es schön, dass unsere Betriebe wie beispielsweise Friseure und Kosmetiker wieder öffnen können. Ganz nebenbei: Das hätte ruhig etwas früher geschehen können. Dennoch waren und sind durchdachte Konzepte oftmals Fehlanzeige. Das trägt in erheblichem Maße immer noch zur Verunsicherung bei. Da sind wir wieder beim vorher angesprochen Thema des Föderalismus. Einheitliche Entscheidungen wären aus meiner Sicht angebrachter gewesen, als die vielen Alleingänge.

Mit der Aufhebung der Beschränkungen haben nun auch wieder die Ausbildung und Weiterbildung in den Bildungsstätten der Handwerkskammer begonnen. Für Sie ein gutes Signal?

Klaus Nützel: Unbedingt. Die vergangenen Monate waren auch ein Riesenproblem in punkto Nachwuchs-  und Fachkräftesicherung im Handwerk. Wir sind deshalb froh, dass die Ausbildung sowohl in den Betrieben als auch Berufsschulen und den Bildungsstätten der Handwerkskammer Schritt für Schritt wieder beginnt. Besonders für die Abschlussjahrgänge war dies essentiell, um die Prüfungen noch im Sommer absolvieren zu können. Ebenso wichtig ist die Fortführung unsere Meisterkurse. Wir brauchen auch diese Absolventen, die nicht zuletzt als potentielle Unternehmensnachfolger dringend nötig sind.

Unterstützung für Ausbildungsbetriebe, die aufgrund von Anordnungen komplett oder teilweise schließen mussten, gibt es jetzt auch vom Land Thüringen.

Klaus Nützel: Auch das ging erst auf unsere Initiative zurück. Der Ausbildungszuschuss ist eine gute Sache. Mit dem Zuschuss können Betriebe 80 Prozent der Ausbildungsvergütung sowie 20 Prozent der entrichteten Sozialversicherungsbeiträge erstattet bekommen, die sie an ihre Lehrlinge nach Schließung gezahlt haben. Unsere Forderung ging jedoch noch weiter. Wir hätten gern alle Ausbildungsbetriebe dementsprechend unterstützt. Auch wenn das Land diesem Ansinnen nicht gefolgt ist, so haben wir doch zumindest einen Teilerfolg erzielt.

Sie haben eine ganze Reihe von Initiativen der Handwerkskammer aufgeführt, die im Interesse der Mitgliedsbetriebe durchgesetzt werden konnten. Sind Sie damit zufrieden?

Klaus Nützel: Natürlich ist es schön, dass wir mit einigen Forderungen und Aktionen unsere Betriebe unterstützen konnten. Dafür sind wir als Handwerkskammer schließlich auch da. An dieser Stelle muss ich aber auch einmal einen ganz besonderen Dank an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kammer richten, die – egal ob an der Hotline, bei der Abarbeitung der Soforthilfeanträge, bei der Betreuung unserer Sonderseite in Internet und den Social-Media-Kanälen oder in vielen Gesprächen – eine wirklich tollen Job gemacht haben. Das oftmals positive Feedback unsere Mitgliedsbetriebe hat gezeigt, dass wir hier frühzeitig richtig gehandelt haben.

Was sind Ihre Erwartungen für die kommenden Wochen und Monate?

Klaus Nützel: Dass wir endlich wieder langsam zur Normalität zurückkehren. Unsere Betriebe brauchen wieder Stabilität und natürlich volle Auftragsbücher, auch wenn die Verluste der vergangenen Monate nicht aufgeholt werden können. Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, dass die Verbraucher weiter auf ihre regionalen Handwerker setzen, Aufträge auslösen und damit ihren Beitrag leisten. Und natürlich wünsche ich mir, dass das Handwerk auch künftig, wie in der Krise in vielen Fällen bewiesen, zusammenhält, damit wir alle gemeinsam – hoffentlich ohne 2. Coronawelle – wieder optimistisch nach vorn blicken können.