Kammerpräsident Klaus Nützel
HWK für Ostthüringen

Fachkräfte für den Erhalt unserer Strukturen

Kammerpräsident Klaus Nützel über die Herausforderungen 2020 im Ostthüringer Handwerk

Der Alltag des neuen Jahres hat auch die Handwerksunternehmerinnen und –unternehmer sowie ihre Mitarbeiter bereits wieder eingeholt. Deshalb spricht  Klaus Nützel, Präsident der Handwerkskammer für Ostthüringen, in diesem Interview über die Herausforderungen, die das Jahr 2020 für das Ostthüringer Handwerk bereit hält

Wie schätzen Sie die derzeitige Situation im Ostthüringer Handwerk ein?

Klaus Nützel: Insgesamt können wir im Ostthüringer Handwerk ganz zufrieden sein. Die Auftragsbücher beim Gros der Unternehmen sind sehr gut gefüllt. Arbeit gibt es also mehr als genug.

Wo sehen Sie derzeit die größten Herausforderungen?

Klaus Nützel: Probleme bereiten mit Blick auf die Zukunft die immer weiter zunehmenden bürokratischen Belastungen, der Nachwuchs- und Fachkräftemangel und vor allem die Unternehmensnachfolge.

Stichwort Fachkräftegewinnung. Wie stellt sich die Situation momentan dar?

Klaus Nützel: Wir haben nach wie vor zu wenig Schulabgänger. Ein Großteil davon strömt an Hochschulen, statt auf eine fundierte duale Ausbildung zu setzen. Das bedeutet auch, dass immer weniger Bewerber für eine Lehre im Handwerk zur Verfügung stehen. So fehlen uns allein in Ostthüringen jedes Jahr rund 250 Azubis und damit natürlich auch Fachkräfte. Unsere Betriebe würden gern mehr Mitarbeiter einstellen, finden jedoch keine.

Was können Handwerkskammer und Unternehmen tun, um den Fachkräftebedarf zu decken?

Klaus Nützel: Die Handwerkskammer bietet eine Vielzahl von Maßnahmen an, um  ihre Mitgliedsbetriebe bei der Nachwuchswerbung zu unterstützen. Beispiele hierfür sind unter anderem Kooperation mit Schulen für die Berufsorientierung in unseren Bildungsstätten, das Werben um Nachwuchs auf Bildungsmessen sowie gezielte Werbekampagnen für eine Karriere im Handwerk. Die Handwerksbetriebe ihrerseits sind aufgerufen, sich mit ihren Erfahrungen hier einzubringen, denn auch ihre Ideen sind gefragt. Schließlich sind es die Betriebe, die hautnah praktische Erfahrungen vermitteln können.

Welche Rolle spielen dabei Praktika in den Betrieben?

Klaus Nützel: Praktika sind nach wie vor die beste Chance, Schulabgänger und Unternehmen zusammen zu bringen. Das gegenseitige Kennenlernen und das Austesten des jeweiligen Berufes kann durch nichts ersetzt werden. Wichtig ist dabei, dass potenziellen Bewerber vom Beginn des Praktikums über den Abschluss des Lehrvertrages bis hin zum Lehrbeginn stetig begleitet werden.

Junge Menschen medial zu erreichen, ist in der heutigen Zeit schwer. Welche Ideen gibt es hierzu in der Handwerkskammer?

Klaus Nützel: Wir müssen die jungen Menschen dort erreichen, wo sie den Großteil ihrer Zeit verbringen – sowohl in Schulen, aber vor allem auch in Sportvereinen und Social Media-Kanälen. Neben den bewährten Aktionen wollen wir deshalb vermehrt das Handwerk auf Sportveranstaltungen präsentieren und Sportvereine im Jugendbereich unterstützen. Außerdem wird die Präsenz des Ostthüringer Handwerks auf Social Media-Plattformen verstärkt. Nicht nur Facebook sondern vor allem Instagram ist bei Jugendlichen angesagt. Hier soll es noch im Laufe des Jahres einen eigenen Kanal für das Ostthüringer Handwerk geben. Wir hoffen, so einen noch besseren Kontakt zu künftigen Schulabgängern zu bekommen.

Sie hatten bereits die nicht ausreichende Zahl von Schulabgängern angesprochen. Wie kann das Handwerk noch Fachkräfte rekrutieren?

Klaus Nützel: Wir müssen über den Tellerrand hinausschauen. Um den Bedarf künftig zu decken, ist es unverzichtbar, auch ausländische Fachkräfte einzubinden. Das Ostthüringer Handwerk ist dazu bereit. Voraussetzung ist jedoch neben der fachlichen Qualifikation auch die Beherrschung der deutschen Sprache.

Ein großes Thema ist die Meisterpflicht und die Wiedereinführung in 12 Handwerksberufen. Fluch oder Segen?

Klaus Nützel: Der Meisterbrief ist seit jeher das Qualitätsmerkmal im Handwerk und Garant für eine gute Ausbildung von Fachkräften. Deshalb befürworte ich selbstverständlich den Meisterbrief und die Meisterpflicht in einer Vielzahl von Gewerken. Die jetzige Wiedereinführung in 12 Berufen kann jedoch nur ein erster Schritt sein. Weitere Handwerksberufe müssen folgen, wollen wir die Vielfalt des Handwerks auch künftig erhalten.

Welche Angebote unterbreitet die Handwerkskammer für potenzielle Handwerksmeisterinnen und Meister?

Klaus Nützel: Wir bieten bereits in einer Vielzahl von Berufen Meisterfortbildungskurse ebenso wie auch in den Teilen III und IV. Natürlich wünschen wir uns noch mehr Meisterschüler. Hier arbeiten wir ebenfalls an neuen Wegen, um die Angebote für Interessenten passgenau maßzuschneidern. Unser Ziel ist es, die Lehrgänge zeitlich an den Bedürfnissen der potenziellen Meisterschüler auszurichten. Hier sind die Wünsche und Rückmeldungen der Interessenten gefragt. Im digitalen Zeitalter denken wir beispielsweise auch über Onlinekurse in bestimmten Meisterteilen nach, um mit der Zeit zu gehen. Erfreulich ist, dass wir im Frühjahr dieses Jahres jetzt wieder einen Meisterkurs für Fliesen-, Platten- und Mosaikleger anbieten werden – die Wiedereinführung der Meisterpflicht in diesem Beruf macht es möglich.

Unterstützung ist aber auch seitens der Politik notwendig. Wie sollte diese aussehen?

Klaus Nützel: Wir brauchen eine bessere Wertschätzung der Jungmeisterinnen und Jungmeister. Deshalb fordern wir eine Meisterprämie für jeden erfolgreichen Absolventen von mindestens 1.000 Euro statt wie bisher nur für die Besten  des jeweiligen Gewerkes. Noch besser wäre jedoch eine völlig kostenfreie Meisterausbildung. Damit wäre eine Benachteiligung gegenüber einem herkömmlichen Studium endlich Geschichte.

Großes Sorgen bereitet dem Ostthüringer Handwerk die Unternehmensnachfolge. Wie ist hier die Situation?

Klaus Nützel: In Ostthüringen suchen allein in den kommenden zehn Jahren 38,5 Prozent der derzeit rund 9.400 Handwerksbetriebe einen Nachfolger. Man muss es ganz klar sagen: uns droht in Ostthüringen ein Verlust der handwerklichen Strukturen in besorgniserregendem Ausmaß.

Welche Vorschläge haben Sie hier?

Klaus Nützel: Ich kann mir beispielsweise vorstellen, dass Jungmeister beim Schritt in die Selbstständigkeit wie in anderen Bundesländern auch seitens des Landes Thüringen finanziell unterstützt werden und ihnen eine sogenannte Meistergründungsprämie gezahlt wird. In Sachsen-Anhalt und Berlin beträgt sie bis zu 15.000 Euro. Und natürlich müssen viele bürokratische Hürden abgebaut werden, um potentielle Gründer und Nachfolger nicht von vornherein abzuschrecken.

Welche wären das beispielsweise?

Klaus Nützel: Nehmen wir doch nur aktuelle die Kassenbonpflicht. Diese ist völlig unnötig, sorgt für Ärger und vor allem immense Mehrkosten in vielen Handwerksbetrieben. Oder aber die Auswüchse bei Ausschreibungen. Wenn eine 30-seitige Ausschreibung lediglich fünf Seiten reinen Ausschreibungstext enthält und der Rest aus gesetzlichen Erläuterungen besteht, läuft doch etwas falsch. Unsere Handwerkerinnen und Handwerker wollen ihrer Arbeit nachgehen, und nicht gefühlt den halben Tag mit Bürokratie kämpfen.

Stichwort Digitalisierung. Welche Herausforderungen sehen Sie hier?

Klaus Nützel: Alle reden von Digitalisierung. Viele unserer Handwerksbetriebe sind bereit dafür. Eine flächendeckende Versorgung mit schnellem Internet und Mobilfunk muss hier aber endlich Realität wird. Das ist das, was unsere Handwerker als Voraussetzung dringend benötigen.

Was ist Ihre Hoffnung für das Jahr 2020?

Klaus Nützel: Nachwuchs- und Fachkräftegewinnung, Meisterfortbildung, Unternehmensnachfolge, politische Einflussnahme: Wenn bei diesen Herausforderungen alle Handwerkerinnen und Handwerker gemeinsam an einem Strang ziehen, bin ich zuversichtlich, dass wir auch künftig weiter auf ein solides, modernes, innovatives und boomendes Handwerk in Ostthüringen setzen können.