Einzige Korbmacherin auf der WalzAuf Wanderschaft zwischen Weiden und Welten
Mit einem Bündel auf dem Rücken, traditioneller Kluft und einem offenen Blick für Menschen und Materialien ist sie unterwegs: Deutschlands derzeit einzige Korbmacherin auf der Walz. Jetzt machte die 26-jährige Subhja Station in der Handwerkskammer für Ostthüringen und berichtete dort von ihrem ungewöhnlichen Alltag – einem Leben zwischen Werkbank, Wanderstock und immer neuen Begegnungen.
Die Walz, auch Tippelei genannt, ist eine jahrhundertealte Tradition des Handwerks. Gesellinnen und Gesellen ziehen nach abgeschlossener Ausbildung für mehrere Jahre durch das Land – und darüber hinaus –, um ihr Können zu vertiefen, neue Techniken kennenzulernen und persönlich zu wachsen.
Erste Korbmacherin auf der Walz seit 36 Jahren
Dass sich heute noch jemand aus dem selten gewordenen Korbmacherhandwerk auf diesen Weg begibt, ist außergewöhnlich. Dass es eine Frau ist, umso mehr. Den letzten Korbmacher in Deutschland auf Wanderschaft gab es im Jahr 2018. Dass diesen Schritt, drei Jahre und einen Tag fern der Heimat unterwegs zu sein, eine Frau gewagt hat, liegt sogar 36 Jahre zurück.
In der Handwerkskammer erzählte Subhlja von ihrem mittlerweile 16 Monate andauernden Alltag auf der Walz, der wenig mit festen Arbeitszeiten oder geregelten Wochenenden zu tun hat. So bereiste sie große Teile Deutschlands. Aber auch die Schweiz, Österreich, Dänemark, Norwegen und Frankreich waren bereits Stationen ihrer Tippelei.
Korbmacherhandwerk ist mehr als Körbe flechten
„Kein Tag ist wie der andere“, sagte sie. Genau darin liege für sie auch die große Stärke ihres Berufs. Das Korbmacherhandwerk sei weit mehr als das Flechten klassischer Körbe: Es reiche von traditioneller Gebrauchskeramik über moderne Designobjekte bis hin zu Restaurierungsarbeiten, Raumgestaltung und sogar künstlerischen Installationen. Gearbeitet wird mit Weide, Hasel oder Pappel – oft mit regionalen Materialien, die sie unterwegs auf der Walz ebenfalls neu kennenlernt.
Auf ihrer Walz arbeitet Subhja in kleinen Werkstätten, bei erfahrenen Flechtwerkgestaltern oder unterstützt Projekte, die neue Perspektiven auf das alte Handwerk eröffnen. Aber auch in andere Gewerke schaut sie gern hinein, um ihr Wissen zu erweitern.
Geraer Pfarrer stellt kurzfristig Nachtlager bereit
Übernachtet wird dort, wo sich eine Möglichkeit ergibt: bei Handwerksbetrieben, Bekannten oder Menschen, die sie auf ihrem Weg trifft. Die Walz bedeutet Verzicht auf Komfort, Sicherheit und Planung – schenkt aber zugleich große Freiheit. „Man lernt, mit wenig auszukommen und viel wahrzunehmen“, erklärte sie. Da war es umso schöner, dass die Handwerkskammer kurzfristig eine Übernachtungsmöglichkeit organisieren konnte. Ein großes Dankeschön hier an Pfarrer Stephan Magirius aus Gera-Langenberg für die Bereitstellung einer Übernachtungsmöglichkeit.
Ein wichtiger Teil ihres Anliegens ist es, mit ihren Erlebnissen der Walz auf die Schönheit und Vielseitigkeit ihres Berufs aufmerksam zu machen. Gerade weil das Korbmacherhandwerk heute nur noch von wenigen ausgeübt wird, sieht sie sich auch als Botschafterin ihres Fachs.
Korbstadt Lichtenfels und Berufsfachschule
Ihre eigene Ausbildung absolvierte die junge Frau, die ursprünglich aus Solingen stammt, an der Staatlichen Berufsfachschule für Flechtwerkgestaltung in der Korbstadt Lichtenfels und schloss die Gesellenprüfung im Jahr 2024 ab. Diese Schule ist bundesweit einzigartig: Sie ist die einzige Einrichtung in Deutschland, die den Beruf des Korbmachers oder Flechtwerkgestalters, wie er heute heißt, noch ausbildet und damit einen zentralen Beitrag zum Erhalt des Handwerks leistet.
Mehr Wertschätzung für traditionelle Handarbeit
In Zeiten von Industrialisierung und Massenproduktion wirkt das Flechthandwerk fast aus der Zeit gefallen. Doch gerade darin liegt sein besonderer Wert. Durch nachhaltige Materialien, handwerkliche Präzision und individuelle Gestaltung steht es für eine bewusste Gegenbewegung. Die Walz versteht die Korbmacherin deshalb auch als Möglichkeit, Wissen zu sammeln, alte Techniken zu bewahren und zugleich neue Impulse aufzunehmen.
Ihre Geschichte macht deutlich: Tradition ist kein starres Konzept, sondern lebt von Menschen, die sie mit Überzeugung, Leidenschaft und Offenheit in die Gegenwart tragen – Schritt für Schritt, Korb für Korb, auf der Walz durch Deutschland.
Titelbild: Korbmacherin Subhja bei ihrem Besuch in der Handwerkskammer auf ihrer Walz. Ihr ist es wichtig, dass das Korbmacherhandwerk nicht aus dem Bewusstsein verschwindet, sondern wieder mehr Aufmerksamkeit bekommt.