Handwerkskammer 1926
HWK für Ostthüringen

120 Jahre voller Einsatz für das Handwerk

Jubiläum der Handwerkskammer - eine Zeitreise

Die Handwerkskammer für Ostthüringen begeht am 18. Oktober ihr 120-jähriges Jubiläum. Ein Blick in die Chronik der Handwerkskammer für Ostthüringen sorgt bei Hauptgeschäftsführer Hans Joachim Reiml für Nostalgie. „Es ist erstaunlich, wie sich die Handwerkskammer über die Jahre veränderte. Von der Gründung im durch Monarchie geprägten Deutschen Reich bis zur Gegenwart, in der wir von der zunehmenden Digitalisierung begleitet werden, ist viel passiert.“

Im vergangenem Jahrhundert stellten insbesondere Kriege und Krisen das Handwerk auf eine harte Probe. Aber auch die aktuelle Corona-Pandemie, durch die viele Betriebe schwere Umsatzeinbrüche verzeichnen, erfordert viel Kraft und Durchhaltevermögen. Doch nach jeder Krise kamen und kommen auch wieder Zeiten der Blüte und des Aufschwungs.

Gegründet am 18. Oktober 1900 als „Gemeinsame Handwerkskammer zu Gera“, wurde die Handwerkskammer zur Interessenvertretung des gesamten Handwerks in der Region Ostthüringen. Gründungsort war das Haus des Handwerks auf dem Puschkinplatz 4 in Gera. Zu den klassischen Aufgaben der Handwerkskammer gehörte damals die gutachterliche Tätigkeit und die Berichterstattung.

Erster Weltkrieg setzte dem Handwerk schwer zu

Infolge des Ersten Weltkriegs musste die Handwerkskammer ihr bisheriges Tätigkeitsfeld umstellen. Die Hauptaufgabe bestand nun darin, Heeresaufträge für das Handwerk zu vermitteln. Da zu dieser Zeit zunehmend Handwerker an die Front geschickt wurden, machte sich im Handwerksbereich ein latenter Arbeitsmangel breit. Nach dem Krieg war die wirtschaftliche Situation durch die Folgen der einseitigen Rüstungsproduktion, der Gebietsverluste und der Reparationsleistungen geprägt. Hinzu kam eine Inflation mit verheerenden Auswirkungen. Als eines der gravierendsten Probleme der Kammer nach der Beendigung des Krieges stellte sich zunächst die Wiedereingliederung der von der Front zurückgekehrten Handwerker in die Normalität des Berufslebens dar.

Zum 1. April 1923 wurden die bisherigen fünf Handwerkskammern in Gera, Weimar, Meiningen, Arnstadt und Gotha aufgelöst und an deren Stelle drei neue Regionalkammern in Gera, Meiningen und Weimar errichtet. Der neue Kammerbezirk der Geraer Einrichtung umfasste seitdem die Landkreise Altenburg, Gera, Greiz, Schleiz, Saalfeld sowie die Stadtkreise Altenburg, Gera und Greiz. Im Jahr 1926 wurde das neue Verwaltungsgebäude der Handwerkskammer Gera, in der Gartenstraße, der heutigen Handwerkstraße, eingeweiht.

Einfluss der NSDAP während der NS-Zeit

Mit der Gleichschaltung zu der Zeit des Nationalsozialismus erfolgt eine Säuberung der gesamten Leitungsebene der Handwerkskammer Gera. Diese wurde weitestgehend durch Mitglieder der NSDAP ersetzt, welche die Handwerkskammer in eine Kommando- und Befehlszentrale der NSDAP verwandelten.

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs hatte die Handwerkskammer Gera ständig neue Arbeitskräfte für die größeren Rüstungsbetriebe zu beschaffen. Wegen der zahlreichen Einberufungen von Handwerkern zum Wehrdienst herrschte wie bereits im Ersten Weltkrieg hoher Arbeitskräftemangel. Mit den zunehmenden Verlusten an den Fronten durch die Alliierten verstärkten sich die negativen Auswirkungen auf das Handwerk. Das betraf vor allem die unzureichende Rohstoffversorgung, die im letzten Kriegsjahr weitestgehend zusammengebrochen war.

Kammergebäude von Fliegerbombe getroffen und zerstört

Zum Ende des Kriegs war die Lage in Gera wie auch im restlichen Land geprägt von Hunger und Zerstörung. Im Jahr 1945 wurde das Kammergebäude in der Handwerkstraße, in dem sich die heutige Hauptverwaltung der Handwerkskammer für Ostthüringen befindet, während des alliierten Luftangriffes von einer Bombe getroffen und stark beschädigt. Nach dem Krieg erfolgte der Wiederaufbau des Gebäudes. Im Mai 1947 wurde es schließlich wieder seiner Bestimmung übergeben. Im Jahr 1953 musste das Kammergebäude auf Veranlassung der SED geräumt werden und in das Haus des Handwerks am Puschkinplatz umziehen. Zunächst wurde das Gebäude der sowjetisch-deutschen Gesellschaft Wismut zur Verfügung gestellt bis nach deren Auszug die SED-Kreisleitung das Gebäude in Besitz nahm.

Umbruch und Reorganisation nach der Wiedervereinigung

Nach der Wiedervereinigung im Jahr 1989 erfolgte eine erhebliche Umstrukturierung der Handwerkskammer für Ostthüringen. In dieser Zeit des Neuanfangs, die mit etlichen Herausforderungen verbunden war, gab es große Unsicherheiten hinsichtlich der Gestaltung einer demokratischen Interessenvertretung in der sozialen Marktwirtschaft. Umso dankbarer nahm man Unterstützungsangebote von westdeutschen Handwerkskammerorganisationen an. Als erste westdeutsche Handwerkskammer bot die Handwerkskammer für Oberfranken mit Sitz in Bayreuth ihre Hilfe an. Dieser erste Kontakt war der Beginn einer langjährigen und heute noch bestehenden Partnerschaft. Im Jahr 1990 erfolgte der Wiedereinzug in das Verwaltungsgebäude in der Handwerkstraße in Gera.

Ein wichtiger Schwerpunkt in der Tätigkeit der damaligen Kammer bildete die Beratung der Mitgliedsbetriebe. Insbesondere nahm zu dieser Zeit die Beratung mit dem Ziel der Existenzgründung einen hohen Stellenwert ein. In den 1990er Jahren erfolgte schließlich die Gründung der Bildungsstätten in Zeulenroda (1991), Rudolstadt (1995) und in Gera-Aga (1997).

Als Körperschaft des öffentlichen Rechts und gesetzliche Berufsstandsvertretung nimmt die Handwerkskammer für Ostthüringen die Interessen von gegenwärtig etwa 9400 Handwerks- und handwerksähnlichen Unternehmen sowie der in diesen Betrieben arbeitenden Meister, Gesellen und Angestellten, Lehrlinge und mithelfenden Familienangehörigen wahr. Weitere Aufgaben der Handwerkskammer sind die Führung der Handwerks- und Lehrlingsrolle, die Beratung von ausbildenden Betrieben und Lehrlingen, die Durchführung und Kontrolle von Prüfungen, der Erlass von Prüfungsordnungen und die Bildung von Prüfungsausschüssen.



Übrigens: Die vollständige Chronik zum Nachlesen finden Sie hier!

 

Foto: Der heutige Sitz der Handwerkskammer für Ostthüringen bei seiner Einweihung im Jahr 1926: Seit nunmehr 120 Jahren sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – erst im Gründungsgebäude am Puschkinplatz in Gera und seit 1926 mit Unterbrechung in der heutigen Handwerkstraße - für die Mitgliedsunternehmen da. Eine bewegte Geschichte in zwölf Jahrzehnten.