Darum sollten Betriebe auf Social Media sichtbar sein Vom Angelschrank zur Million
Ein selbst gebauter Angelschrank. Sechs Rutenhalter. 90 Sekunden Video. Mehr brauchte es nicht, damit Tischlergeselle Finn Mann innerhalb weniger Tage über 1,2 Millionen Aufrufe auf Social Media erreichte.
Finn Mann stellte in einem kurzen Reel sein Gesellenstück vor. Als begeisterter Angler hatte er sich einen Schrank für seine Angelausrüstung gebaut. Kein professioneller Werbefilm, keine Hochglanzkampagne, kein Werbebudget.
„Nichts Besonderes würde manch einer denken“, sagt Lea Bartzok-Porsch aus der Abteilung Kommunikation der Handwerkskammer für Ostthüringen, die das Video filmte, schnitt und auf den sozialen Medien der Handwerkskammer veröffentlichte.
Doch genau das Gegenteil passierte. Innerhalb weniger Stunden entwickelte das Video eine enorme Dynamik. Nutzer teilten den Beitrag, kommentierten und vergaben Likes. Die Reichweite stieg wie bei einem Schneeball-Effekt immer weiter an. Nicht bezahlte Werbung machte das Video erfolgreich, sondern Menschen, die den Inhalt interessant fanden und freiwillig weiterverbreiteten.
„Ich war völlig überrascht. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass sich so viele Menschen für mein Gesellenstück interessieren. Ein paar Hundert vielleicht, aber nicht über eine Million“, sagt Finn Mann.
Inzwischen hätten ihn sogar Menschen aus seinem Dorf gefragt, ob er nun Influencer werden wolle.
Die Generation Smartphone
Der Erfolg des Videos ist kein Zufall. Wer junge Menschen erreichen möchte, muss dort präsent sein, wo sie einen großen Teil ihrer Freizeit verbringen: auf dem Smartphone.
Einen guten Einblick in das Medienverhalten junger Menschen liefert die JIM-Studie. Die jährlich erscheinende Untersuchung des Medienpädagogischen Forschungsverbundes Südwest (mpfs) gilt seit vielen Jahren als eine der wichtigsten Studien zur Mediennutzung von Jugendlichen in Deutschland. Dafür werden regelmäßig Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren zu ihrem Medienalltag befragt.
Die Ergebnisse zeigen deutlich, welche Bedeutung digitale Kanäle inzwischen haben. Jugendliche nutzen ihr Smartphone heute durchschnittlich 231 Minuten täglich, also nahezu vier Stunden. Zudem sind 96 Prozent der Jugendlichen jeden Tag online. Soziale Netzwerke, Videoplattformen und Messenger gehören längst zum festen Bestandteil ihres Alltags.
Für Handwerksbetriebe ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Wer Nachwuchs gewinnen möchte, muss dort sichtbar sein, wo sich junge Menschen informieren und austauschen. Social Media ist damit längst nicht mehr nur ein zusätzlicher Kommunikationskanal, sondern ein wichtiger Baustein moderner Nachwuchsgewinnung.
„Viele Betriebe werben noch auf den Kanälen ihrer eigenen Generation. Nachwuchs findet man jedoch dort, wo sich die nächste Generation informiert“, sagt Lea Bartzok-Porsch. Während zahlreiche Unternehmen weiterhin vor allem auf Facebook setzen, suchen Jugendliche deutlich häufiger über Instagram, TikTok, YouTube oder Snapchat nach Informationen zu Berufen und Arbeitgebern.
Authentizität schlägt Werbung
Das Beispiel von Tischlergeselle Finn zeigt noch eine weitere Entwicklung: Nicht Hochglanzwerbung funktioniert besonders gut, sondern authentische Geschichten.
Menschen interessieren sich für handwerkliche Fähigkeiten, Entstehungsprozesse, besondere Werkstücke und die Menschen dahinter. Sie wollen sehen, wie etwas entsteht. Genau das bietet das Handwerk in nahezu jedem Gewerk täglich.
„Selbst Inhalte, die mit Künstlicher Intelligenz erstellt und produziert werden, können bei der Reichweite oft nicht so schlagkräftig punkten“, sagt Lea Bartzok-Porsch. „Der Algorithmus der Plattformen liest die Metadaten von Fotos und Videos aus und pusht realen Content.“
Hinzu komme ein weiterer entscheidender Faktor: Menschen könnten sich mit echten Menschen deutlich besser identifizieren als mit künstlich erzeugten Inhalten.
Die Reichweite von Finns Reel verdeutlicht das Potenzial. Über eine Million Aufrufe entsprechen einer Aufmerksamkeit, die viele klassische Werbemaßnahmen kaum erreichen. Keine Ausbildungsmesse und kein Flyer erzielt diese Größenordnung.
Dabei braucht es häufig weder Kamerateams noch hohe Budgets. Oft reichen ein Smartphone und ein spannendes Projekt. Die Realität zeigt sogar, dass authentische Einblicke oftmals besser funktionieren als perfekt inszenierte Werbebotschaften.
Auszubildende als Botschafter
Eine besondere Rolle spielen dabei Auszubildende, junge Gesellen und Meister. Sie sprechen die Sprache ihrer Generation und berichten auf Augenhöhe von ihrem Berufsalltag.
Dass dieses Prinzip funktioniert, bestätigt auch eine aktuelle Studie des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB). Die Untersuchung zeigt, dass Ausbildungsbotschafter bei Jugendlichen Interesse an Ausbildungsberufen wecken und deren Wissen über Berufe deutlich erhöhen können. Persönliche Einblicke von jungen Menschen wirken dabei besonders glaubwürdig.
Für Handwerksbetriebe ist das eine große Chance. Wer seine Azubis in Videos, Reels oder Kurzinterviews zu Wort kommen lässt, präsentiert den Beruf authentischer als jede Werbeanzeige.
Chancen und Herausforderungen
Finn Mann bewertet Social Media dennoch differenziert. „Ich sehe das 50:50. Als Handwerker oder Handwerksbetrieb bietet Social Media die Chance zu zeigen, dass im Handwerk nicht nur geknechtet wird. Man kann mit Klischees aufräumen und zeigen, was man mit seinen Händen schaffen kann." Gleichzeitig verweist er auf problematische Seiten sozialer Netzwerke. „Es gibt auch unwissende Menschen, welche mit ihren Kommentaren unter Videos die Protagonisten zerreißen, obwohl sie keine Ahnung haben." Lea Bartzok-Porsch rät deshalb, Kommentare nicht zu ignorieren. „Egal ob positive oder negative Kommentare. Reagieren sollte man. Vor allem Fehlinformationen und Hassrede muss man bremsen und korrigieren. Angst sollte man aber dennoch keine haben.“
Was Betriebe daraus lernen können
Finn Mann hat eine klare Empfehlung: „Probiert euch einfach aus, es kann nur helfen.“ Sein Rat an Betriebe: „Gebt einen Einblick in eure Arbeit und Aufgabenfelder und zeigt, wieso die Menschen zu euch kommen sollten und nicht woanders hin. Auch bei der Nachfolgesuche eines Betriebes kann Social Media überzeugen.“ Lea Bartzok-Porsch ergänzt, dass sich insbesondere Werkstücke, spannende Projekte, Entstehungsprozesse, Mitarbeitervorstellungen und Einblicke in den Arbeitsalltag eignen. Gerade solche Inhalte zeigen, was Handwerk ausmacht: Kreativität, Können und sichtbare Ergebnisse.
Die wichtigste Erkenntnis aus dem Erfolg des Angelschranks lautet deshalb: Menschen interessieren sich nicht für Werbung. Sie interessieren sich für echte Menschen mit echten Geschichten. Genau darin liegt die größte Chance des Handwerks auf Social Media.
Titelbild: Mit der Vorstellung seines Gesellenstückes, einem Angelschrank, überzeugte Tischler Finn Mann über eine Million Menschen auf Instagram und Facebook.