Feinste Linien, dauerhafte Spuren
Karussell-Element
Altenburger Graveurmeister feiert JubiläumFeinste Linien, dauerhafte Spuren
Das Graveurhandwerk gehört zu den traditionsreichsten und zugleich präzisesten Gewerken im Handwerk. Ob filigrane Schriftzüge auf Schmuck, detailreiche Prägungen oder die Herstellung von Stempeln aller Art. Graveure verleihen Materialien eine persönliche Note und machen aus Alltagsgegenständen bleibende Erinnerungsstücke.
Ein Meister dieses Fachs blickt nun auf ein besonderes Jubiläum: Seit 50 Jahren trägt er den Meistertitel im Graveurhandwerk und führt gleichzeitig eine Familientradition fort, die inzwischen auf 118 Jahre Unternehmensgeschichte zurückreicht.
Handwerkstradition seit 1908
Den Grundstein legte Reinhold Gleitsmann im Jahr 1908. Als gelernter Glasgraveur eröffnete er einen kleinen Laden mit Werkstatt auf dem Altenburger Markt. Dieser existiert noch immer an jenem Ort, an dem einst alles begann. Eine echte Tradition, die den Betrieb zu einer sprichwörtlich „alteingesessenen“ Adresse macht. „Lediglich während der Marktrekonstruktion zu DDR-Zeiten mussten wir kurz dieses Haus verlassen, das jedoch unser Stammsitz geblieben ist“, berichtet der heutige Firmenchef Claus Gleitsmann. Die Arbeit Reinhold Gleitsmanns galt als außergewöhnlich präzise. „Sie floss ihm nur so aus den Fingerspitzen. Er beherrschte sein Handwerk in Perfektion“, erinnert sich dessen Enkel.
Neben Glasgravuren gehörten schon damals auch Arbeiten an Bestecken, Schmuck oder Zinndeckeln zum Portfolio. Hinzu kamen Emaille Schilder, geprägte und geätzte Schilder sowie Stempel und deren Zubehör – ein breites Spektrum, das die Vielseitigkeit des Handwerks unterstrich.
Selbst schwierige Zeiten wie zwei Weltkriege, Inflation und Währungsreform konnten die Familientradition nicht brechen. Während des Krieges führte Reinhold Gleitsmanns Frau Frieda das Geschäft weiter. Auch dessen Söhne Heinz und Horst brachten sich in den Familienbetrieb ein. In Guben legte Heinz seine Lehre zum Graveurgesellen bei der Firma Koritter ab; Horst wurde Schlosser. Nach dem Tod des Vaters im Jahr 1954 übernahmen die Brüder den Familienbetrieb.
Vom Lehrling zum Meister
1968 begann der heutige Geschäftsinhaber Claus Gleitsmann schließlich selbst seine Ausbildung zum Graveur in Poserna bei Weißenfels. Zwei Jahre später legte er seine Gesellenprüfung ab. Für ihn war der Berufsweg früh klar: „Fließbandarbeit wäre nie etwas für mich gewesen. Für mich stand schon immer fest, dass ich Graveur werden wollte. Ich bin damit aufgewachsen und mich fasziniert diese individuelle und abwechslungsreiche Arbeit.“
Besonders in Erinnerung blieb ihm ein Auftrag im Rahmen einer Ausschreibung der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Ein Gürtler fertigte dafür einen aufwendig gestalteten Silberbecher, den Gleitsmann mit Gravuren versah. „Ich sollte das Gründungsdatum der Universität eingravieren sowie in Spiralform entlang der Becherwand die einzelnen Jahreszahlen bis zum Jubiläumsdatum. Das war eine sehr besondere Arbeit“, erzählt er.
Dokumentation eines Handwerkslebens
Eine Besonderheit begleitet ihn bis heute: Seit seinem ersten Lehrjahr im Jahr 1969 führt Claus Gleitsmann ein detailliertes „Tagebuch“ über alle von ihm gefertigten Stempel. „So kann man bis heute genau nachvollziehen, welche Vorlagen verwendet wurden, falls etwas nachproduziert werden muss.“
In den Aufzeichnungen finden sich Arbeiten für Buchbinder, Industrieprägestempel, Brennstempel, Petschaften, Kirchensiegel und viele weitere Produkte. Ein eindrucksvolles Archiv handwerklicher Präzision über Jahrzehnte hinweg.
Zwischen Tradition und Moderne
Auch das Graveurhandwerk hat sich im Laufe der Zeit gewandelt. Während früher nahezu ausschließlich in Handarbeit gefertigt wurde, kommen heute zunehmend Maschinen zum Einsatz.
Gleichzeitig sind Kreativität und gestalterisches Können stärker gefragt denn je. Wenn Kunden ohne konkrete Vorlage kommen, entwirft er Designs selbst am Computer und setzt diese anschließend mithilfe moderner CNC-Technik um. Dennoch bleibt ein Bereich fest in der Handarbeit verankert: Bei aufwendigen 3D- und Reliefprägungen ist nach wie vor höchste Präzision per Hand gefragt.
Inhaltlich hat sich der Fokus ebenfalls verschoben. „Wir produzieren mittlerweile weniger für die Industrie, dafür mehr individuelle Geschenke“, erklärt der Graveurmeister.
Blick in die Zukunft
Trotz 50 Jahren Meistertitel denkt Claus Gleitsmann nicht ans Aufhören. Im Gegenteil: Schon bald erwartet er einen Schülerpraktikanten, dem er sein Handwerk näherbringen möchte. „Ich freue mich sehr darauf“, sagt er – auch, weil es immer weniger Graveure gibt.
Mit seinem Engagement sorgt er dafür, dass ein traditionsreiches Handwerk weiterlebt und vielleicht auch in Zukunft neue Generationen prägt.
Titelbild: Claus Gleitsmann feiert sein 50-jähriges Meisterjubiläum als Graveur. Seit 118 Jahren befindet sich der Laden mit Werkstatt auf dem Markt der Stadt Altenburg.