Vollversammlung Dezember 2016
HWK für Ostthüringen

Fachkräftegewinnung und Betriebsnachfolge sind künftige Schwerpunktthemen

(07.12.2016) Der Mangel an geeignetem Fachkräftenachwuchs für das Handwerk sowie die Tatsache, dass in den kommenden Jahren überproportional viele Handwerksunternehmen einen Nachfolger suchen, sind die Schwerpunktthemen des kommenden Jahres.
Das wurde auf der Vollversammlung der Handwerkskammer für Ostthüringen deutlich.
In seinem Bericht vor den Vollversammlungsmitgliedern ging der Präsident der Handwerkskammer für Ostthüringen, Klaus Nützel, zunächst auf die positive konjunkturelle Entwicklung ein. „Das Ostthüringer Handwerk befindet sich weiter auf einem aus-gesprochen guten konjunkturellen Niveau.“ Gut gefüllte Auftragsbücher und eine weitere Verbesserung bei der Umsatzentwicklung sind Indikatoren dafür. Damit verbunden ist aber auch die dringende Suche nach geeigneten Fachkräften. Diese sind jedoch kaum noch oder sehr schwer zu finden.

Azubizahlen steigen um mehr als sieben Prozent

Erfreulich ist zwar, dass die Zahl der neu abgeschlossenen Lehrverträge im zurückliegenden Jahr mit insgesamt 728 um 7,5 Prozent über dem Niveau des Vorjahres lag. „Dennoch reichen diese Lehrlingszahlen bei weiten nicht aus, um die Herausforderungen der Zukunft im Ostthüringer Handwerk zu meistern“, so Klaus Nützel. Viele Aktionen seien durch die Handwerker gemeinsam mit der Handwerkskammer angeschoben worden. Bildungsmessen, Werbemaßnahmen über die Imagekampagne des Handwerks, Kooperationen mit Tages- und Wochenzeitungen und vieles mehr.
Gleichzeitig sei aber auch die Thüringer Landespolitik gefordert, das Handwerk bei der Werbung für eine duale Ausbildung zu unterstützen. „Auf der einen Seite bewirbt das Land mit einer teuren Online-Kampagne den Hochschulstandort Thüringen. Auf der anderen Seite werden auf Grund geringer Lehrlingszahlen Berufsschulstandorte zentralisiert ohne entsprechende Ausgleichsmaßnahmen zu schaffen“, mahnt der Kammerpräsident. Schon jetzt gebe es erste Meldungen von Ausbildungsbetrieben, deren Lehrlinge auf Grund weiter Anfahrtswege zu den Berufsschulen nicht mehr zum Berufsschulunterricht erscheinen oder aber ihre Lehre ganz abbrechen.

Azubi-Ticket muss schnell kommen

„Deshalb steht für uns die Forderung eines Azubi-Tickets immer noch ganz oben auf der Liste der Forderungen an die Landesregierung. Was für Studenten mit dem Semester-Ticket Realität ist, muss für Auszubildende auch möglich sein“, drängt Klaus Nützel auf eine Entscheidung. Zwar gebe es erste Überlegungen seitens des Freistaates, doch die Zeitschiene sei einfach zu lang. „Wir brauchen schnell das kostengünstige Azubi-Ticket für alle Lehrlinge. Ansonsten droht dem Freistaat auf lange Sicht ein deutlicher Schwund an Fachkräften im Mittelstand“, warnt der Kammerpräsident vor den Folgen.
Auch die Vollversammlungsmitglieder stimmten dieser Forderung zu und unterstrichen in der Diskussion, dass die Landesregierung hier mit Blick auf die Zukunft schnell handeln muss.

Problem fehlender Nachfolger für Betriebe

Im Zusammenhang mit dem fehlenden Fachkräftenachwuchs wird in den kommenden Jahren auch die Unternehmensnachfolge stehen. Immerhin 15 Prozent der Betriebsinhaber in den rund 9.600 Ostthüringer Handwerksunternehmen sind älter als 60 Jahre. Das bedeutet, dass in den kommenden fünf Jahren rund 1.400 dieser Handwerksunternehmen einen Nachfolger suchen. In den nächsten 15 Jahren steigt diese Zahl der Unternehmen, die einen Nachfolger suchen auf immerhin 45 Prozent bzw. rund 4300 Betriebe.
Schon jetzt sind vor allem die Betriebszahlen in den meisterpflichtigen Gewerken rückläufig. „Wir brauchen vor allem dringend Meister, die diese angestammten Handwerksunternehmen einmal weiterführen“, so Klaus Nützel.

Meisterbonus ist wichtig

Nach langen Gesprächen mit der Thüringer Landesregierung ist es gelungen, dass ab dem kommenden Jahr ein Meisterbonus für die besten Meister jedes einzelnen Gewerkes in Höhe von 1.000 Euro kommt. Diese finanzielle Prämie für den erfolgreichen Abschluss kann durchaus ein wirksames Motivations- und Förderinstrument sein.
Dies ist die Landespolitik auch dem Thüringer Handwerk als Wertschätzung schuldig, zumal mit dem Meisterbrief gleichzeitig auch die Ausbildungsberechtigung für den Berufsnachwuchs erworben wird“, so Klaus Nützel.
Gerade mit Blick auf den Mangel an Fachkräften sowie die fehlenden Unternehmensnachfolger sei dieser Anreiz überaus wichtig, um das Handwerk und damit den Mittelstand in der Region auch in den kommenden Jahren auf einem hohen Niveau zu halten.
Vor allem mit dem vom Bund durchgesetzten Wegfall der Meisterpflicht in vielen Berufen im Jahr 2004 sei es zu einer prekären Lage gekommen. „Der Staat hat die Liste auf 42 meisterpflichtige Berufe dezimiert. Jetzt ist auch der Staat gefordert, hier gegenzusteuern. Deshalb muss auch über die Wiedereinführung der Meisterpflicht in mehr als den 42 Gewerken gesprochen werden“, fordert Kammerpräsident Klaus Nützel.
Ebenso sehen es die Vollversammlungsmitglieder, wie die angeregte Diskussion zeigte. Gerade die Unternehmensnachfolge zeigt auf, wie übergreifend die Forderungen sind. Sie reichen vom Lehrling über die Berufsschule bis hin zum Meister. Nur wenn in allen Bereichen neue Lösungsansätze auf Landes- und Bundesebene gefunden werden, könne sowohl der Azubimangel als auch die Frage der Unternehmensnachfolge Erfolg versprechend geklärt werden. Darin waren sich die Mitglieder der Vollversammlung einig.
Deshalb werden diese Themen im kommenden Jahr die Arbeit sowohl in der Hand-werkskammer als auch in den Kreishandwerkerschaften, den Innungen und jedem einzelnen Betrieb bestimmen.



Foto: Klaus Nützel bei seinem Bericht vor den Mitgliedern der Vollversammlung der Handwerkskammer für Ostthüringen.